Aus „Es war einmal …“ wird „Was wäre wenn …“ und es gilt, die wahren Seiten der seit Jahrhunderten erzählten Märchen aufzudecken. Ohne dass jemals in einem Märchen eine Zeit genannt wird, erzählen uns diese von zauberhaften Welten, die so zu sein scheinen, wie wir sie uns alle wünschen.
Doch was wäre, wenn die Figuren daraus heute leben würden? Oder das Märchen von der Zukunft erzählt? Wenn diese Figuren nicht alle so märchenhaft sind, sondern ganz normal unter uns leben. Oder sie genau das Gegenteil von dem sind, wie sie uns immer geschildert werden?
Was wäre wenn …?

Inspirative Irritationen

Märchen sollen uns inspirieren. Sollen uns verleiten, über einige Dinge nachzudenken und das Gute soll herausgestellt und als Leitfaden für die Menschen definiert werden. So oder ähnlich könnte man die Klischees der Märchen deuten, wenn man es gut meint. Aber lassen wir uns nicht irritieren, denn selten ist ein Märchen gut. Gar sind sie teilweise böse und brutal. Verstörend und blendend. Gewiss aber erzeugen sie Irritationen, wenn man einmal genau zwischen den Zeilen liest.

Grundidee des Shootings

Wenn meine vierjährige Tochter vor dem Fernseher sitzt, ist es nur schwer eine Sendung, einen Film oder eine Serie zu finden, in der nicht in irgendeiner Weise etwas Böses oder Brutales vorkommt. Also greift man zu den bewährten Märchen? Das niedliche Rotkäppchen …ach nein, da ist ja der böse Wolf. Das sanfte Schneewittchen …achso, da ist ja die mordende Stiefmutter. Dann halt Dornröschen …oh, auch die wurde ermordet. Märchen sind brutal. Auch wenn sie ein Happy End haben, die Geschichten an sich sind voller Verbrechen und bösen Gestalten.
Aber kennen wir die guten Gestalten daraus? Ist Schneewittchen wirklich das arme kleine Ding, das von seiner Stiefmutter grundlos getötet werden soll. Oder ist sie eher eine verschlagene Göre, die schon aus Prinzip der Neuen“ an der Seite ihres Vaters keine Chance geben will? Handelt die Königin nur aus Notwehr?
Und ist Rotkäppchen wirklich so naiv, dass sie ganz alleine durch den dunklen Wald geht um ihre Oma zu besuchen? Oder ist sie eher ein frivoles Luder, dass es liebt alleine durch die Welt zu laufen und durch provokante Kleidung männliche Wesen zu reizen? Ist rot nicht in Wirklichkeit eine Signalfarbe?
Inspiriert von der TV Serien „Once upon a time“ und „Grimm“, in denen bekannte Märchen einfach einmal „anders“ dargestellt werden, kam mir die Idee zu einem Shooting, das eine sehr herausfordernde Aufgabe bereit stellt:
Nehme eine Märchenfigur, zeige ihren „wahren“ Charakter und versetze sie in die heutige Zeit. Der Betrachter der Aufnahmen soll subtil sehr schnell erkennen, um welches Märchen es sich handelt. Und sich dabei fragen, was an diesem Bild „nicht stimmt“. Die Szene erforschen und schliesslich zu dem Ergebnis kommen: „Aha, das ist doch Schneewittchen. Stimmt, eigentlich ist die ein ziemlich provokantes, kleines bockiges Ding“. Das ganze fotografisch und technisch perfekt umgesetzt. Von Models entsprechend gekonnt interpretiert.

Die Umsetzung

Ein gutes Foto ist für mich persönlich eine Aufnahme, über die ich mir Gedanken mache. Ein Bild, über das ich nicht einfach so hinweg gleite und sage: „Gut! Toll die fotografischen Richtlinien eingehalten und eine schöne Ansicht erzeugt. Was war da jetzt nochmal auf dem vorherigen Bild zu sehen?“
Erreichen kann man so etwas mit sogenannten Kompositionen. Zusammensetzungen von realistischen und/oder surrealistischen Bildteilen zu einer „Szene“. Davon gibt es viele, aber leider verlieren einige dieser Kompositionen den eigentlichen Sinn, bzw. erzählen keine wirkliche Geschichte. Es ist oftmals eher das Zeigen der fotografischen Neigung und der Nachbearbeitungsfähigkeit. In vielen Fällen wirklich gut, aber nicht ausreichend für dieses Vorhaben. Denn mit jeder einzelnen Aufnahme soll auch eine Geschichte erzählt werden. Wenn man das Bild betrachtet, soll einem vor dem inneren Auge eine kurze Filmsequenz erscheinen, die eine kleine Story erzählt. Die Geschichte einer Märchenfigur, die es so nicht gibt, die wir aber trotzdem alle kennen.
Eine Herausforderung wird es sein, anhand von „spezifischen Gegenständen oder Handlungen“ die Assoziation zu einem bestimmten Märchen zu erzeugen. So ist für viele der Apfel ein Symbol“ von Schneewittchen, der rote Umhang und der Korb ein Kennzeichen, das uns an Rotkäppchen denken lässt. Nun muss dieses Detail aber auch noch in die aktuelle, modernisierte und „verkehrte“ Szene passen.
Eine weitere Herausforderung wird die Gestaltung der Szene selber sein. Hierzu gehören Model, Kostüm, Requisite und Hintergrund, sowie die „erzählende“ Zusammensetzung dieser Dinge. Ein Beispiel: Wenn wir an Aschenputtel denken, könnten uns zum Beispiel folgende zwei Szenen dabei in den Sinn kommen: Ein Mädchen hockt am Boden und sortiert etwas in zwei verschiedene Schüsseln. Oder ein Mädchen läuft eine große Treppe hinab und verliert dabei einen Schuh. Nun wäre es nicht sehr subtil, genau dieses Bild zu erzeugen, es wäre viel zu direkt. Es geht um die Tat und den Gegenstand.
Arbeiten wir also anstatt mit zwei Schüsseln eventuell mit zwei Schuhkartons und lassen das Mädchen anstatt Erbsen lieber Bilder von „guten“ und „schlechten“ Männern sortieren? Oder eine gehetzt blickende Frau anstatt die Treppe hinunter vielleicht über Gleise laufen, während sich der Stöckelschuh in den Schienen verhakt?
Assoziation durch subtile Informationsanteile erzeugen, innerhalb einer variierten aber wiedererkennbaren Szene …das ist die Herausforderung!
Ich bin gespannt!